Bergkirchweih: "Rettungsinseln" für Frauen bewähren sich

Die Einrichtungen sind nun zum dritten mal beim Berg dabei - 18.05.2018 05:15 Uhr

Mit Plakaten wird in Erlangen während der Bergkirchweih für einen respektvollen Umgang miteinander geworben und auf die "Rettungsinseln" als Anlaufstellen für Frauen, die belästigt werden, aufmerksam gemacht. © Archivfoto: Harald Sippel


Burak Tuk war am Eröffnungsabend der Bergkirchweih dabei. Nicht zum Vergnügen, sondern weil er als Rettungsassistent und angehender Notfallsanitäter Dienst auf der Bergwache des Arbeitersamariterbundes (ASB) hatte. Jetzt werden noch mehr solcher Dienste folgen. Er wird zur Stelle sein, wenn Bergbesucher Hilfe brauchen. Um Schnittverletzungen zu verarzten, Pflaster über Schrammen zu kleben, Erste Hilfe bei Kreislaufversagen oder Alkoholvergiftungen zu leisten.

Eine Aufgabe könnte aber auf ihn zukommen, die nicht zu seinem klassischen Betätigungsfeld gehört: Mit Frauen reden, die sexuell belästigt wurden. Denn in den Sanitäts- und Wachstationen auf dem Festgelände sind "Rettungsinseln" für Frauen integriert.

Für diese Aufgabe fühlt sich der Erlanger gut vorbereitet. Geschult hat ihn Claudia Siegritz. Die Mitarbeiterin des Frauennotrufs in Erlangen hat, wie auch schon in den letzten Jahren, Mitte April die Schulungen für Mitarbeiter der beiden Rettungsdienste Bayerisches Rotes Kreuz (BRK) und Arbeitersamariterbund (ASB) sowie des Sicherheitdienstes durchgeführt.

Wo fängt sexuelle Gewalt an?

Da ging es zunächst einmal grundsätzlich um die Frage: Was ist eigentlich sexuelle Gewalt, wo fängt das an? Denn natürlich geht es überhaupt nicht nur um Vergewaltigung, es dürfe eben nicht heißen, "das ist doch nur ein bisschen Gegrapsche, wenn zum Beispiel ein Mann einer Frau an den Busen fasst", erklärt Claudia Siegritz. Sensibilisierung sei also wichtig, im Vorfeld schon, bevor etwas passiert. Dass das Sicherheitspersonal hier mit eingebunden ist, hält sie für essenziell. "Die Sicherheitsleute sind ganz nah dran am Geschehen. Sie bekommen viel mit von dem, was am Berg geschieht, und bemerken oftmals, wenn Frauen belästigt werden."

Die Sensibilisierung auch mit Hilfe von Plakaten, die für einen respektvollen Umgang miteinander werben, sei ein wesentlicher Teil des Erfolgs der "Rettungsinseln", meint Petra Zerrahn. Die Bergkirchweih ist für die Leiterin der Abteilung Märkte und Kirchweihen beim städtischen Liegenschaftsamt seit Wochen präsent. Sie glaubt, dass durch den Schutzraum, der den Frauen geboten wird, zudem nicht nur die Leute sensibilisiert werden, die am Berg arbeiten, sondern auch die Besucher.

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Zehn Übergriffe 2017

"Die Leute machen sich bewusster, dass bestimmte Dinge wie Grapschen nicht in Ordnung sind", sagt sie. "Das wird nicht mehr so gedankenlos hingenommen oder gemacht, da hat sich bei allen ein Entwicklungsprozess in Gang gesetzt."

Zehn Übergriffe auf Frauen wurden während der letzten Bergkirchweih verzeichnet, drei Frauen wurden in den Rettungsinseln betreut. Es wird von einer Dunkelziffer ausgegangen — davon, dass Frauen sich schämen, wenn sie Opfer sexueller Übergriffe geworden sind, und darüber schweigen. Wichtig also, dass Frauen wissen, dass es einen Zufluchtsort gibt und sie sich trauen können, dorthin zu kommen, betont Claudia Siegritz.

Wenn eine Frau kommt, wissen die Rettungskräfte jedenfalls, was zu tun ist. Sie fragen, ob eine vertraute Person dazukommen soll oder ob sie Anzeige erstatten möchte. Sie erklären ihr, dass sie die Option hat, in die Frauenklinik gebracht zu werden. "Vor allem aber ist es wichtig, ihr zunächst einmal eine Rückzugsmöglichkeit zu bieten", sagt Burak Tug. Mit warmer Decke und Getränk.

"After-Berg" in der Altstadt

Falls die Frau Anzeige erstatten will, dann ist die Polizei vor Ort. Das gilt nicht nur für die Bergkirchweih selbst, wo drei Rettungsinseln auf drei verschiedene Positionen verteilt sind, sondern auch für den "After-Berg". Denn eine vierte Rettungsinsel befindet sich in der Altstadt am Martin-Luther-Platz. Mitten in der Partymeile. Dort wurde eigens für die Bergzeit ein Container aufgestellt.

Plakate mit dem Slogan "Spaß haben! Keinen Ärger. Keine sexuelle Gewalt am Berg!" prangen auch hier. Und die Polizei ist in den Nachtstunden hier ebenfalls präsent. Von den Bergbesuchern, die nun weiterfeiern, ist kaum noch jemand nüchtern. 

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