Erlanger Postbote macht jedes Jahr den großen Bergschein

Rainer Fischer bringt die Post bereits am Morgen auf die Bergkirchweih - 23.05.2018 11:00 Uhr

Rainer Fischer bringt den Wirten und Schaustellern die Post auf den Berg. Hier mit Steinbach-Chef Christoph Gewalt. © Harald Sippel


Urlaub nimmt Rainer Fischer nie an Pfingsten. Die Kollegen würden ohne ihn in dieser Zeit kaum auskommen. Denn Fischers Zustell-Bezirk ist, zumindest an zwölf Tagen im Jahr, kein normaler. Es ist ein Bezirk im Ausnahmezustand. Rainer Fischer ist Postbote auf der Bergkirchweih. Er bringt Briefe nicht nur den Anwohnern auf dem Berg, sondern auch den Schaustellern und Kellerwirten. Und man kann gut und gerne sagen: Rainer Fischer kennt sie alle.

"Die Bergkirchweih war hier von Anfang an integriert", sagt der 47-Jährige. Nach seiner Ausbildung war er erst einmal Springer, lernte den Bezirk so bereits unregelmäßig kennen. Seit 25 Jahren aber ist er fest hier am Berg. "Ich habe mich dafür beworben." Auch wenn Fischer schon wusste, worauf er sich einlässt. "Früher hatte ich noch ein normales Fahrrad", damit radelte der Möhrendorfer am Berg rauf und runter. "Bei den Schaustellern musste ich mich zuerst durchfragen."

Zu den üblichen Bergkirchweih-Zeiten kann Fischer natürlich nicht arbeiten, zumindest nicht in der Straße an den Kellern. Denn dann ist schon zu viel los und er kommt mit seinem Fahrrad nicht mehr durch. "Manche haben dann auch in die Brief-Kisten hineingelangt, ich konnte nur schieben." Deshalb trägt Fischer die Post hier nun immer morgens aus. Viele Schausteller sind bereits vor 10 Uhr an ihren Geschäften, Fischer kennt sie inzwischen alle - und übergibt die Post persönlich. Findet er niemanden, fährt er noch zu den Wohnwägen. Manche Schausteller hätten dort Hunde. "Da rufe ich: Der Postbote kommt", sagt Fischer, "damit die aufpassen".

"Kondome, Exkremente, habe ich schon alles gehabt"

Insgesamt würden es natürlich weniger Briefe werden, meint Fischer. "Vieles läuft per E-Mail. Doch im vergangenen Jahr habe ich zum Beispiel Ersatzteile fürs Riesenrad per Post zugestellt." Größere Lieferungen bringt der Paketdienst. "Der hat es auch nicht leicht." Genaue Hausnummer gibt es in der Regel nicht, meist steht nur "Bergkirchweih" statt der Straße in der Adresse. "Nach zwei, drei Wochen ist der Spuk aber ja wieder vorbei."

Für die Anwohner gilt das ebenfalls, das weiß auch Rainer Fischer aus eigener Erfahrung. "Manche schrauben ihre Briefkästen weg, weil Besucher diese zerstört oder ihren Müll hineingeworfen haben." Der Postbote hat mittlerweile immer Feuchttücher dabei. "Du langst aus Versehen rein", sagt Fischer. "Kondome, Exkremente, habe ich schon alles gehabt. Das ist wirklich ekelhaft."

Es gibt Anwohner, die extra für die Berg-Zeit verreisen. "Die verriegeln ihr Tor. Ich werfe die Post dann über den Zaun, in einer Plastiktüte. Einer leert dann im Lauf des Tages die rübergeworfene Post."

"Es ist mein Traumberuf"

Manche Nachbarn haben sich auch abgesprochen, ihre Briefe bringt Rainer Fischer zum Helbig Keller - und die Anwohner holen sie dort im Lauf des Tages ab. "Das ist schon seit Jahren so abgesprochen." Auch unter den Anwohnern kennt sich Fischer gut aus. "Bei den Einfamilienhäusern weiß ich sicher jeden Nachnamen."

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Mittlerweile fährt der Möhrendorfer auch mit einem E-Bike. "Das ist schon eine Erleichterung, hier fahre ich viele Anstiege. Ich bin mit dem E-Bike zwar nicht wesentlich schneller, am Nachmittag aber nicht so kaputt." Morgens um 3 Uhr steht Fischer auf, um 4.30 Uhr beginnt er seine Arbeit. "Ich muss in einem Bezirk noch vorbereiten", sagt er. Ein Kollege trägt dort dann die Post aus, Fischer fährt in seinem Berg-Bezirk.

Bis alles zugestellt ist, kann es auch mal Nachmittag sein. "Bei den Aufbauarbeiten vor der Bergkirchweih zum Beispiel bin ich mit meinem E-Bike nicht mehr durchgekommen und musste oben alles zu Fuß laufen. Insgesamt ist mein Bezirk auch einfach riesig. Es gibt viele Einfamilienhäuser." Dadurch dauert alles ein wenig länger. "Dafür habe ich das Persönliche, das gefällt mir", sagt Fischer.

"Ich bin gerne Postbote, es ist mein Traumberuf. Ich bin an der frischen Luft, bin in meinem Bezirk mein eigener Chef, kann das so machen, wie’s passt." Zur Kirchweih-Zeit hat Fischer dann nachmittags Feierabend. "Und dann gehe ich mit meiner Familie auf den Berg, mit meiner Frau und meinen Kindern." Allerdings nicht jeden Tag. Den großen Berg-Schein macht der Postbote ja so oder so jedes Jahr.

 

 

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